A. Stärkung der Fachkräfte in Deutschland 
durch Ausbildung und Integration (Beschlussvorlage)

Beschlussvorlage für den Deutschlandrat am 2./3. April 2016 in Friedrichshafen · ·

Im Jahr 2015 sind 1,1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Davon haben 480.000 Personen einen formellen Asylantrag gestellt – so viele wie noch nie in einem Jahr. Die Integration derer, die eine Berechtigung haben hier zu bleiben, ist eine der großen Herausforderungen der kommenden Zeit. Sie gelingt am besten über Bildung und Beschäftigung. Qualifizierte Flüchtlinge können einen Beitrag dazu leisten den Fachkräftemangel zu verringern und die Sozialsysteme zu entlasten.

Zwar ist in Deutschland derzeit kein flächendeckender Fachkräftemangel festzustellen, in einigen Regionen und einigen Berufsfeldern sind dennoch Engpässe vorhanden oder künftig abzusehen. So geben laut Fortschrittsbericht der Bundesregierung zum Fachkräftemangel 2014 insgesamt 38% der Betriebe an, dass sie ihre Wachstumspotentiale in Folge des Fachkräftemangels gefährdet sehen. Darüber hinaus stellt der Bericht fest, dass der Fachkräftemangel bei Mittelständlern (nach den Energiepreisen) die drängendste Sorge ist. Ebenfalls geben die Mittelständler zu 71% an, derzeit sehr schwer oder eher schwer neue und ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Gut die Hälfte sehen sich bereits Umsatzeinbußen durch Mangel an Fachkräften gegenüber. Gründe genug, das Thema Fachkräftemangel ernsthaft anzugehen und die Wege zu mehr Fachkräften in Deutschland zu stärken.

Für junge Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund kann die berufliche Bildung eine Chance sein. Die Stärke der dualen Ausbildung wurde gerade während der Wirtschafts- und Finanzkrise deutlich: Vor allem die südlichen EU-Mitgliedstaaten haben mit sehr hohen Jugendarbeitslosenquoten von teilweise über 50 Prozent zu kämpfen, während Staaten mit traditionell dualen Ausbildungsformen bei der Jugendbeschäftigung Spitzenplätze einnehmen – allen voran Deutschland mit derzeit unter acht Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Und schließlich trägt der Mix zwischen ausgebildeten Fachkräften und Akademikern dazu bei, dass die deutsche Wirtschaft ein enormes Innovationspotential entfalten kann. Der Vorteil der beruflichen Bildung liegt in der sehr hochwertigen, begabungs- und interessengerechten Ausbildung, die sich durch hohe Praxisanteile auszeichnet. Das garantiert die Aktualität und Relevanz der Ausbildungsinhalte, die ständigen Anpassungen unterliegen. Hier zeigt sich vor allem die hohe Wertigkeit der dualen Ausbildung.

A.1 Stärkung der Beruflichen Bildung

Die duale Ausbildung bietet dem Wirtschaftsstandort Deutschland hochqualifizierter Fachkräfte und gleichzeitig jungen Menschen die Chance, ihre Talente und Begabungen optimal zu entwickeln, indem sie vielfältige Bildungs- und Berufsperspektiven eröffnet. Wir dürfen es nicht versäumen, die Berufsausbildung an die Veränderungen der Arbeitswelt, die Auswirkungen der Demografie und die gewandelten Strukturen im Bildungsprozess anzupassen. Mitte der 60er Jahre absolvierten 92 Prozent der jungen Menschen eine Berufsausbildung, nur acht Prozent begannen ein Studium. 2011 war die Quote der Ausbildungs- und Studienanfänger annährend ausgeglichen. Gleichzeitig stellen wir fest: Derzeit benötigen acht von zehn Berufsgattungen mit den größten Engpässen keine Akademiker, sondern durch eine Ausbildung beruflich Qualifizierte. Viele freie Ausbildungsplätze konnten in den vergangenen Jahren nicht besetzt werden. Vor allem technische Berufe waren hiervon betroffen. Der Fachkräftemangel darf nicht zu einer Bedrohung der deutschen Wirtschaft werden.

Die Junge Union Deutschland fordert daher:

  1. Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung muss von allen Teilen der Gesellschaft offensiv beworben werden. Hierzu muss der Aufbau eines Netzes von Beratungs- und Informationsangeboten vorangetrieben werden. Schüler, Auszubildende, Studierende und Weiterbildungswillige sollen systematisch Beratung erhalten.

  2. Berufsorientierungsprogramme sind grundsätzlich auf sämtliche allgemeinbildende Schulen auszuweiten, so werden Schüler schon früh über Karrierewege im Berufsbildungssystem ergebnisoffen informiert. Gerade die Schüler an Gymnasien müssen neben der Studienberatung eine Berufsberatung erfahren können, denn die duale Aus- und Fortbildung bietet hier große Entwicklungspotentiale, wie beispielsweise für Fach- und Führungskarrieren, aber auch Betriebsübernahmen und Neugründungen.

  3. Besten Einblick in Berufe bekommen Schüler durch das Lernen vor Ort beispielsweise in Praktika. Diese Schülerpraktika sind flächendeckend und verpflichtend an allen Schularten auszubauen. Gerade deshalb sind Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen wünschenswert. Die Unternehmer in den Unterreicht einzubinden, trägt ebenfalls zu einer besseren Berufsberatung bei.

  4. Die Attraktivität der beruflichen Bildung sollte gerade auch gegenüber den Eltern noch stärker betont werden. Eltern sollen konkret in die Berufsorientierungsangebote der Schulen einbezogen werden und über konkrete Möglichkeiten jenseits des Abiturs und der Hochschule frühzeitig aufgeklärt werden, je früher dies geschieht – also bestenfalls bereits in der Grundschule - desto besser.

  5. Die sich ständig ändernden Herausforderungen der Arbeitswelt machen eine Reduzierung der Überspezialisierung vieler Ausbildungsberufe notwendig. Gerade in den ersten Ausbildungsjahren sollten Ausbildungsprofile stärker in Berufsfamilien gebündelt werden. Im zweiten oder dritten Ausbildungsjahr kann dann die notwendige Spezialisierung erfolgen. Die Absolventen erreichen so eine umfassendere Orientierung im Berufsfeld, eine größere Verwendungsbreite und der Fachkräftebedarf kann besser gesichert werden. Zudem trägt es der demographischen Entwicklung in einigen ländlichen Regionen Rechnung.

  6. Das Modell der assistierten Ausbildung muss ausgeweitet werden. Mit Hilfe von Bildungsträgern wird eine Brücke zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Voraussetzungen der Bewerber gebaut. Viele zunächst ungeeignet erscheinende Bewerber werden durch die assistierte Ausbildung zu qualifizierten Fachkräften von morgen.

  7. Der Meister ist in jedem Falle vor Angriffen aus Europa zu schützen. Er ist eine wichtige Grundlage für die Qualitätssicherung und Nachwuchsgewinnung unserer Handwerksbetriebe und bietet Anreiz zur Weiterqualifizierung. In den Berufen, bei denen kein Meisterzwang herrscht, ist festzustellen, dass gerade hier Nachwuchskräfte fehlen. Anstatt über den Abbau weiterer Meister zu sprechen, sollte eher über die Wiedereinführung des Meisters in einigen Berufszweigen diskutiert werden.

  8. Derzeit kommen viele junge, motivierte Menschen in unser Land, die gerade auf dem beruflichen Ausbildungsmarkt gebraucht werden. Sichergestellt werden muss, dass kein Flüchtling, der eine Ausbildungsstelle gefunden hat, während dieser Ausbildungszeit abgeschoben wird. Asylpolitik ist kein Instrument zur Bekämpfung des Fachkräftemangels.

  9. Die berufsbildenden Schulen müssen gestärkt werden. Ziel muss es sein, ein ganzeinheitliches Konzept zur Sicherung des Bedarfs an Lehrern an berufsbilden Schulen und damit verbundenen Qualitätsanforderungen sowie der akademischen Lehre umzusetzen. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte.

  10. Den Berufsschulgebäuden wird oft nicht so viel politische Aufmerksamkeit geschenkt wie allgemeinbildenden Schulen. Deshalb stehen sie oft in Ausstattung und baulichem Zustand hinten an. Dies muss sich ändern.

A.2 Stärkung der akademischen Bildung

Die akademische Bildung ist die zweite wichtige Säule des deutschen Bildungssystems. Mit den Mitteln aus dem Hochschulpakt und der Exzellenzinitiative sind die Hochschulen in Deutschland von Seiten des Bundes für die Zukunft sehr gut aufgestellt. Die sogenannten MINT-Studiengänge (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) bringen in den letzten Jahren trotz steigender Studentenzahl immer weniger Absolventen hervor. Aktuell besteht ein Engpass von circa. 50.000 MINT-Akademikern. Gerade diese Absolventen sind aber besonders wichtig für unsere heimische Wirtschaft.

Die Junge Union Deutschland fordert daher:

  1. Hochschulen und Kammern sollen Angebote für Menschen entwickeln und ausbauen, die aus einem Studium in eine berufliche Bildung wechseln wollen. Dies kann durchaus positiv sein, da eine berufliche Ausbildung möglicherweise besser zu dem einen oder anderen passt als eine akademische Ausbildung. Dazu müssen insbesondere der Aufbau gemeinsamer Beratungsstrukturen und die zeitliche Anerkennung von Prüfungsleistungen zählen. So können potentielle Studienumsteiger als Fachkräfte für die deutsche Wirtschaft gewonnen werden.

  2. Angesichts zunehmender Klagen der Hochschulen über einen unzulänglichen Leistungsstand der Studienanfänger muss dem Trend des stetig sinkenden Anforderungsniveaus in den MINT-Schulfächern entgegengewirkt werden. Hierfür müssen die Länder weitere gemeinsame Standards schaffen bzw. verschärfen und in die Lehrpläne implementieren. In diesem Zuge sollen in den Fächern Physik, Chemie und Biologie obligatorische Schülerlabors etabliert und Schülerpraktika in naturwissenschaftlich bzw. technisch tätigen Unternehmen ermöglicht werden.

  3. Die Länder sollen ihrer Verpflichtung nachkommen und die freigewordenen BAföG-Mittel an ihre Hochschulen weitergeben. Nur mit finanziell gut ausgestatteten Hochschulen können die MINT-Studiengänge so ausgestaltet werden, dass am Ende qualifizierte akademische Fachkräfte hervorgehen.

  4. Der Überspezialisierung von Studieninhalten ist entgegenzuwirken. Studierende müssen über breite wissenschaftliche Kompetenzen verfügen, die sie auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereiten. So stellen wir sicher, dass gerade die benötigten MINT-Absolventen zu geeigneten Fachkräfte für die heimische Wirtschaft werden.

  5. Einige Studenten sind bereit, über ihre eigentlichen Studieninhalte hinaus zusätzliche Seminare zu besuchen und weitere Studienleistungen zu erbringen. Dies geschieht oft, um sich weiterzubilden und noch während des laufenden Studiums besser an die Bedarfe des Arbeitsmarktes anzupassen. Dies ist zu begrüßen. Deshalb sollte es ermöglicht werden, einzelne Prüfungen auch außerhalb des immatrikulierten Fachs mitzuschreiben und im Erfolgsfall dafür einen Leistungsnachweis zu erhalten.

  6. Gerade der Ausbau dualer Studiengänge und die damit verbundene enge Verzahnung und Kooperation mit Unternehmen bieten große Chancen für die Fachkräftegewinnung.

A.3 Stärkung des Zugangs für Flüchtlinge zum Arbeitsmarkt

Ein Andauern des aktuellen Zuzugs von Flüchtlingen würde Deutschlands Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen überfordern. Die Zahl der Flüchtlinge muss dauerhaft zurückgehen. Um den Asylbewerberbern, die längere Zeit in Deutschland bleiben werden, die Chance zu geben, möglichst früh eine Arbeit oder eine Ausbildung aufzunehmen, sollte vor allem

  1. Die Vorrangprüfung muss abgeschafft werden. Die Prüfung, ob eine freie Stelle nicht durch Einheimische oder EU-Bürger besetzt werden kann, sollte bei anerkannten Flüchtlingen wegfallen.

  2. Die Koedukation in unseren Schulen muss durchgesetzt werden. Die Schulpflicht kennt kein Geschlecht, das gilt auch für die Teilnahme von Mädchen an Sportunterricht und Klassenfahrten.

  3. Integrationskurse mit den darin enthaltenen Sprach- und Orientierungskursen müssen in ausreichender Zahl und Qualität angeboten werden. Sozialleistungen sollten gekürzt werden, wenn verpflichtende Integrationskurse verweigert werden.

  4. Die längere Beschulung von Flüchtlingen ohne Schulabschluss unterstützen wir.

  5. Wir begrüßen die Initiative der CDU-geführten Bundesregierung, ab sofort allen Kreisen und kreisfreien Städten bis zu drei kommunale „Bildungskoordinatoren“ zu finanzieren. Sie sollen die vor Ort vorhandenen Bildungsakteure, Bildungsangebote und Bildungsbedarfe miteinander verzahnen.

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